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Im Himmel voller Geigen! Zu Besuch bei der Schranz Geigenbau GmbH in Thun

Wer das Familienunternehmen Schranz Geigenbau GmbH in Thun betritt, fühlt sich sofort wie «im Himmel voller Geigen»!  Im sympathischen Verkaufsladen werden im Schaufenster Rohlinge präsentiert, in Schaukasten stehen Geigen in Reih und Glied, von der Decke hängen Bratschen, Celli befinden sich ebenfalls im Angebot der Streichinstrumente. Frau Anna Barbara Schranz, Tochter des Firmengründers Daniel Schranz ist eidgenössisch diplomierte Geigenbauerin sowie auch Musikerin FH und führt mich in die Geheimnisse der Geigen (Violine aus dem Italienischen) ein. Die anspruchsvolle Ausbildung zur Geigenbauerin, die viel Feingefühl verlangt, dauert vier Jahre. Ich erfahre, dass es mehr Geigenbauer und Geigenbauerinnen gibt, als ich gedacht habe. Schon bei den ersten von mir gestellten Fragen lerne ich, dass der für das Spielen der Streichinstrumente benötigte Bogen nicht vom Geigenbauer hergestellt wird, sondern dass dies ein separater Beruf darstellt und es davon in der Schweiz aber viel weniger gibt als Geigenbauerinnen und -bauer. Für eine qualitativ anständige Kindergeige samt Bogen sollte man mit ca. Fr. 1’000.- rechnen. Zum Leid vieler Fachgeschäfte gibt es ausländische Online-Händler, die Violinen sehr günstig verkaufen, wobei die Qualität dieser Instrumente oftmals schlecht ist, ungenügendes, billiges Material bei der Herstellung verwendet wird und sogar die «Wirbel» zum Teil hohl sind. Was ein Laie wie ich erstaunt lerne ist, dass die Violine nicht einfach aus einer einzigen Holzart hergestellt wird, sondern verschiedene benötigt, um einen besten Klang und auch nötige Stabilität zu erhalten. Die «Decke» der Geige besteht aus Fichte (bestklingendstes Holz für die Geige), der Boden, Zarge und Hals mit der Schnecke wird aus Ahorn gefertigt, was eine härtere Holzart ist und zu mehr Stabilität führt. Das Griffbrett und die Wirbel werden aus dem Edelholz Ebenholz hergestellt. Ebenholz ist edel und teuer und stammt vorwiegend aus Madagaskar. Wie mir Frau Schranz berichtet, ist man in der Forschung bemüht, nach einem künstlichen Ersatzmaterial zu forschen. Ebenholz ist nicht in rauen Mengen vorhanden und wird irgend einmal nicht mehr als natürliche Ressource zur Verfügung stehen. Zuerst denke ich, dass Temperaturschwankungen dem Streichinstrument respektive dem Holz zusetzen können. Es ist aber viel eher die Feuchtigkeit, die zu Spannung und Spannungsrissen im Holz führt. Der sogenannte «Steg» ist auch aus Ahorn von Hand gefertigt. Er steht auf der Decke und darüber führen die Saiten, die die Schwingungen erzeugen. Die Saiten bestanden früher aus Darm mit Draht umwickelt, heutzutage verwendet man meist  Kunststoffsaiten, die mit Alu oder Silberdraht umwickelt sind. Der Bogen ist meist aus Fernambukholz hergestellt, was ebenfalls nur ein begrenztes Vorkommen aufweist. (Anmerkung: das Problem am Zoll bekommt man bei den Bogen vorwiegend wegen der Elfenbein-Kopfplatten). Deswegen wird auch auf das Ersatzmaterial Carbon zurückgegriffen. Die Bogenhaare bestehen aus Haaren vom Pferdeschweif. Nun frage ich Frau Schranz nach den häufigsten Reparaturen an den Streichinstrumenten. Häufig ist der Steg betroffen, der repariert werden muss. In der Werkstatt ist gerade der Mitarbeiter damit beschäftigt, einen neuen Steg aufzuschneiden. Ein neuer Cello-Steg benötigt ca. 2 – 3 Stunden Arbeitsaufwand. Bei den Saiten wird übrigens empfohlen, diese jährlich zu ersetzen. Spannungsrisse kann es am Corpus geben oder aber, man muss Stellen neu leimen oder den Lack retouchieren. Ein versierter Geigenbauer kann eine Geige auseinandernehmen und wieder zusammenbauen, ohne das Holz oder den Lack gross zu beschädigen. Ich frage Frau Schranz nach der «spannendsten» und schwierigsten Reparatur. Sie erzählt, dass ihr Vater einmal eine Sisyphusarbeit geleistet hat! Eine Musikerin hat beim Einsteigen in ihr Auto den Geigenkasten auf das Autodach deponiert und ist versehentlich losgefahren. Der Geigenkasten ist beim Anfahren vom Dach auf die Strasse gerutscht und gemäss Murphy’s Gesetz ist ein nachfolgender Wagen über den Geigenkasten gefahren! Die Musikerin hat den Geigenkasten Herrn Schranz überbracht. Dieser hat  ein Leintuch ausgelegt, den Geigenkasten geöffnet und über hundert Teile und Splitter auf die Decke gelöst. Während eines halben Jahres hat er sich in Sisyphusarbeit der Geige angenommen und diese wiederum vollständig herstellen und reparieren können. Die Besitzerin hat danach wieder auf ihrer Geige spielen können und ihr Instrument habe nach der Wiederherstellung noch besser geklungen als vorher! Diese Geige wird übrigens noch immer gespielt und erfreut durch ihren wundervollen Klang!

Ach ja, übrigens, wenn Sie irgendwo auf dem Estrich oder im Keller einen verstaubten Geigenkasten finden: Freuen Sie sich nicht zu früh! Auch wenn irgendwo «Stradivari» geschrieben steht – im Geigenkasten oder im Innern des Corpus – es gibt massenhafte Fälschungen im Etikett oder im Geigeninnern. Die «Stradivari» ist eine Diva unter den Geigen und wurde für Königshäuser gebaut und auch immer entsprechend so weitergegeben. Es ist kaum möglich, dass Ihre «Stradivari» auf dem Dachboden eine echte ist!

Rachel Neuenschwander, 17. Juli 2020

 

 

 

 

12. August 2020

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